Die Lesung 2026

Im 4. Jahr des Krieges fiel es zunächst schwer, aus dem breiten Sortiment bereits vorliegender Veröffentlichungen einen Titel für unsere Lesung zu finden, der dem andauernden Krieg Putins gegen die Ukraine in Worte zu fassen vermochte, die anderes zu berichten wussten als das, was wir Tag für Tag aus den Medien erfuhren. „Auf der Sandbank der Zeit“ des Osteuropa-Historikers und Friedenspreisträgers Karl Schlögel war so ein Buch, erschütternd erkenntnisreich und mit langem Atem geschrieben, aber auch die „Die Rückseite des Krieges“ des jungen ukrainischen Autors Andriy Lyubka, dessen literarische Reportagen aus seinem Leben als Volunteer der ukrainischen Streitkräfte uns sofort in den Bann schlugen. Das war es, was wir nicht erfuhren, wenn wir Nachrichten schauten, Radio hörten oder Zeitung lasen, das war es, was ihren Berichten so oft fehlte, fehlen musste, weil man dafür an die Front musste, tief hinein in den Osten, den Krieg im Nacken.
Andriy Lyubka, so erfahren wir in den Reportagen, kauft mit Spendengeldern ausrangierte Geländewagen auf, die er mithilfe seiner Mitstreiter fronttauglich aufmöbelt und dorthin schafft, wo sie gebraucht werden. So bewegen er und sein Team sich auf ihren Touren kreuz und quer durch die Ukraine nahezu ausschließlich auf der Rückseite des Krieges, wie er schreibt, wo gelebt, gelacht, gekämpft und manchmal auch vor der Abreise ein Espresso zubereitet wird, was so surreal und schwarzhumorig wirkt, dass man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Er erzählt von Soldatinnen und Soldaten, die zur Not auch mal zusammenwerfen, um das Taxi bezahlen zu können, das sie zur Front bringen soll, von Frauen und Müttern, die eben dort ihre Liebsten verlieren, von Roma, Juden, Muslime und Baptisten, die die Freiwilligen auf ihren gefahrvollen Wegen vollkommen selbstlos unterstützen und nicht danach fragen, woher man kommt und welchem Glauben man folgt. Herzzerreißende Geschichten, die berühren, bewegen und nachdenklich machen angesichts der kleinlichen Sorgen, die unseren Alltag vielfach begleiten.

Machte uns in der Vorbereitung auf die Lesung noch der Gedanke bange, ob wir nach 4 zermürbenden Jahren des Krieges überhaupt noch ein Publikum finden würden, das sich die Zeit nehmen wollte, dem Überlebenskampf der Ukraine für einen kurzen Moment ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken, so löste sich dieser Gedanke angesichts eines sich rasch füllenden Lesesaals auf der Stelle in pures Glücksgefühl auf. Und die Aufmerksamkeit, das Lächeln und die Tränen, die das Publikum den literarischen Reportagen von Andriy Lyubka entgegenbrachte, waren sichtbares Zeichen dafür, dass die Solidarität mit der Ukraine noch nicht erschöpft ist und die Hoffnung nach wie vor groß, dass das Land diesen Krieg überleben würde.
Nicht zuletzt hat ganz sicher auch die abschließende Darbietung der jungen ukrainischen Schauspielerin Daryna Mavlenko, die mit ihrem musikalischen Begleiter Justus Wilken ukrainische Lieder des Protestes in ihrer Muttersprache vortrug, von denen der von Pete Seeger in der Ukraine entdeckte, weltberühmt gewordene Song „Sag mir, wo die Blumen sind“ wohl den berührensten Moment markierte.

Wir beschlossen die Lesung mit einem Spendenaufkommen von sage und schreibe 556,60 €, das wir dem Spendenkonto von Andriy Lyubka zukommen ließen, um den weiteren Ankauf eines Jeeps zu ermöglichen. Vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass wir im Westen verstanden haben, dass der Kampf um die Freiheit in der Ukraine auch für unsere Freiheit geführt wird.